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Anpassung an Klimawandel hinkt Jahrtausende hinterher

 

Köln, 24.06.2016: Die Permafrostregionen in der Arktis gehören zu jenen Gebieten der Erde, die sich im Zuge des Klimawandels besonders schnell erwärmen. Dennoch beobachten Biologen derzeit nur ein minimales Anpassungsverhalten der Baumvegetation. Dort, wo gemessen an der Lufttemperatur längst Kiefern- und Fichtenwälder wachsen müssten, gedeihen noch immer sibirische Lärchen. Ein Paradox, dessen Ursache Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Potsdam und der Universität zu Köln gemeinsam mit weiteren Fachkollegen nun mithilfe Millionen Jahre alter Blütenpollen auf die Spur gekommen sind. Laut ihren in der Fachzeitschrift "Nature Communications" veröffentlichten Ergebnissen gab in der Vergangenheit stets der Kältegrad einer Eiszeit den Ausschlag dafür, wie schnell sich im Anschluss die Vegetation an das Warmzeitenklima anpasste. In unserem Fall heißt das: Weil die letzte Eiszeit vor mehr als 10.000 Jahren ausgesprochen kalt war, hat sich die heutige Vegetation noch immer nicht vollständig an die aktuellen Klimabedingungen angepasst.

Um diese Zusammenhänge zu entschlüsseln mussten die Forscher 3,5 bis 2,1 Millionen Jahre weit in die Erdgeschichte zurückgehen, bis zum Übergang zwischen den Erdzeitaltern Pliozän und Pleistozän. Das ist in der Arktis erst möglich, seit im Jahr 2009 ein entsprechend weit in die Vergangenheit reichender Sedimentkern aus dem Elgygytgyn-See in der russischen Arktis gewonnen werden konnte. Die seitdem an der Universität zu Köln durchgeführten Untersuchungen der in den Sedimenten überlieferten Pollen erlauben nun erstmals, die Vegetationsgeschichte in der Region detailliert nachzuzeichnen und mit rekonstruierten Klimawerten für die Warm- und Kaltzeiten zu jener Zeit abzugleichen. Dabei zeigen statistische Analysen, die am AWI in Potsdam durchgeführt wurden, ein deutliches Muster. AWI-Wissenschaftlerin Ulrike Herzschuh: „Unser Datenabgleich zeigt, dass die Vegetation in der Vergangenheit bei einem Wechsel von einer Kalt- zu einer Warmzeit bis zu mehrere tausend Jahre brauchte, um sich an Klimaveränderungen anzupassen". Das ist wesentlich länger als bisher angenommen wurde. Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Je kälter die vorangegangene Eiszeit war, desto länger brauchte die Pflanzenwelt im Anschluss, um sich in ihrer Zusammensetzung an das Klima der Warmzeit anzupassen. Als Hauptgrund dafür wird der Dauerfrostboden in der Arktis gesehen, der nach einer besonders kalten Phase verzögert auftaut. "Die neuen Erkenntnisse sind auch von Relevanz für Vorhersagen der zukünftigen Entwicklung in der Arktis", erläutert Prof. Martin Melles, der deutsche Koordinator des Elgygytgyn-Bohrprojektes von der Universität zu Köln, "sie sollten zukünftig in Klimamodellen berücksichtigt werden, um die daraus abgeleiteten Prognosen weiter zu verbessern".

•   Originalveröffentlichung:

     Ulrike Herzschuh, H. John B. Birks, Thomas Laepple, Andrej Andreev, Martin Melles, Julie Brigham-Grette: Glacial legacies on interglacial vegetation at the Pliocene-Pleistocene transition in NE Asia. - Nature Communications, DOI: 10.1038/NCOMMS11967

     http://www.nature.com/naturecommunications

 

•   Weiterführende Informationen:

     http://www.geologie.uni-koeln.de/2032.html

 

•   Bei Rückfragen

     Prof. Martin Melles

     Universität zu Köln

     Institut für Geologie und Mineralogie

     Tel: +49 (0)221-2470-2262/5149

     E-Mail: mmelles@uni-koeln.de